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Großes Frühstück oder großes Abendessen?


Ist das "richtige" Timing beim Essen wirklich entscheidend?


Wir Menschen sind evolutionär ziemlich gut darin, Essen mit vielen Kalorien zu mögen.Früher war das ein klarer Vorteil. Wer energiereiches Essen bevorzugt hat, kam besser durch Zeiten, in denen Nahrung knapp war.

Heute ist das anders.

Essen ist jederzeit verfügbar, hochkalorisch, lecker – und oft stark verarbeitet. Unsere alten Instinkte laufen also weiter, aber die Umwelt hat sich komplett verändert.

Das Ergebnis sehen wir überall: Übergewicht, Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Deshalb beschäftigen sich Wissenschaftler immer stärker nicht nur mit dem Was, sondern auch mit dem Wann wir essen.

Ein Begriff, der dabei gerade viel Aufmerksamkeit bekommt: Chrononutrition.



Was steckt hinter Chrononutrition?


Chrononutrition untersucht, ob der Zeitpunkt der Mahlzeiten unsere Gesundheit beeinflusst.

Die Grundidee:

Unser Körper folgt einem inneren Tagesrhythmus (circadian rhythm). Bestimmte Prozesse laufen morgens effizienter als abends – zum Beispiel Stoffwechsel, Blutzuckerregulation oder Hormonantworten.


Die aktuelle Forschung deutet auf Folgendes hin:

Ein größeres Frühstück und ein kleineres Abendessen könnten leicht im Vorteil sein.

Klingt erstmal plausibel. Aber wie relevant ist dieser Effekt wirklich?



Die Studienlage: Ein kleiner Vorteil – kein Durchbruch


Eine viel zitierte Analyse (erschienen in Obesity Reviews) hat neun Studien ausgewertet:

  • Gruppe 1: großes Frühstück, kleines Abendessen

  • Gruppe 2: kleines Frühstück, großes Abendessen


Die Ergebnisse:

  • Gruppe 1 nahm im Durchschnitt etwas mehr ab

  • Blutzucker, Cholesterin und Insulinsensitivität verbesserten sich leicht stärker


Aber:

  • 5 von 9 Studien zeigten einen Vorteil

  • 4 von 9 Studien zeigten keinen Unterschied


Das ist kein klarer Sieg.

Es ist lediglich ein kleiner Vorsprung, kein entscheidender Faktor.

Wichtig zu verstehen:Diese Messwerte zeigen Risiken, keine Garantien. Ein minimal besserer Marker bedeutet nicht automatisch bessere Gesundheit – vor allem dann nicht, wenn man insgesamt im Normalbereich bleibt.



Der echte Nutzen: Weniger Hunger über den Tag


Ein Punkt ist allerdings sehr praxisrelevant:

👉 Teilnehmer mit kleinem Frühstück waren über den Tag hinweg hungriger.


Das überrascht nicht – ist aber entscheidend.

Denn Hunger führt oft zu:

  • mehr Snacking

  • impulsiven Entscheidungen

  • „Ach komm, das geht noch“


Und das endet selten bei Karotten oder Naturjoghurt, sondern eher bei:

  • Gebäck

  • Chips

  • Süßem zwischendurch


Mehr Frühstück = weniger Hungerstunden.Für manche Menschen kann das ein echter Hebel sein.



Theorie vs. echtes Leben


Jetzt kommt der Punkt, den Studien nicht abbilden können.

Studien sind kontrolliert.Dein Alltag ist es nicht.


Im echten Leben gibt es:

  • Familienessen am Abend

  • Geschäftsessen

  • Restaurantportionen mit extrem vielen Kalorien

  • ein Feierabendbier

  • Geburtstage, Einladungen und soziale Termine


Du kannst morgens groß essen und dir fest vornehmen, abends wenig zu essen.Aber wenn der Alltag dazwischenfunkt, summieren sich die Kalorien schnell.


Und hier ist sich die Forschung sehr einig:

Die Kalorienmenge über den ganzen Tag ist der wichtigste Faktor für dein Körpergewicht – nicht der Zeitpunkt.


Was heißt das jetzt konkret für dich?


Keine Dogmen.

Kein „so MUSST du essen“.

Sondern praktische Entscheidungen je nach Situation.


Du isst abends regelmäßig mit der Familie?

→ Eher kleiner frühstücken.

Familienrituale sind langfristig wichtiger als perfektes Timing.


Du gehst abends essen oder bist eingeladen?

→ Frühstück und/oder Mittag bewusst kleiner halten oder auslassen.

Restaurantessen ist fast immer kalorienreicher als gedacht.


Dein Ziel ist Fettabbau?

→ Timing ist zweitrangig.

Entscheidend ist:

  • wie viel du isst

  • was du dauerhaft umsetzen kannst

Konsistenz schlägt Optimierung.


Du kämpfst tagsüber ständig mit Hunger?

→ Größeres Frühstück testen.

Am besten mit:

  • ausreichend Protein

  • wenig verarbeiteten Lebensmitteln(z. B. Eier, Fleisch, Kartoffeln, Gemüse)


Du willst „das Maximum rausholen“?

Definiere zuerst, was optimal für dich bedeutet.

Dann:

  • Tagesmenge festlegen

  • langsam etwas mehr Kalorien in den Vormittag verschieben

Der Effekt ist da – aber nicht riesig.


Dein Hauptziel ist Gesundheit?

→ überwiegend echte Lebensmittel

→ Körpergewicht im Wohlfühlbereich

→ eventuell kleineres Abendessen


Dein Fokus liegt auf Training & Leistung?

→ Essen rund ums Training priorisieren.

Vor oder nach dem Training zählt mehr als Uhrzeiten.

Protein:

  • ca. 1,6 g pro kg Körpergewicht als gute Orientierung.



Kurz zusammengefasst


Chrononutrition ist spannend.

Aber sie ersetzt weder gesunden Menschenverstand noch Alltagstauglichkeit.

👉 Was und wie viel du isst, ist wichtiger als wann.

👉 Ein Plan, der zu deinem Leben passt, schlägt jede perfekte Theorie.


Wenn das sitzt, hast du den Großteil richtig gemacht.


Alles andere ist dann Feinschliff.

 
 
 

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