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Neue US-Food-Pyramid: sinnvoll oder Signalfehler?


Letzte Woche ging in den USA eine Grafik viral, die viele als „neue Food Pyramid“ bezeichnen. Und ja: Das Ding wirkt wie ein kompletter Neustart – weil es die klassische Logik anscheinend buchstäblich auf den Kopf stellt.

Bevor wir uns aber in Lagerkämpfe („endlich sagt’s mal jemand!“ vs. „was für ein Quatsch!“) stürzen, lohnt sich ein kurzer Schritt zurück: Was soll so eine Ernährungspyramide überhaupt leisten?



Was ist eine Ernährungspyramide (und warum gibt’s die überhaupt)?


Eine Ernährungspyramide ist im Kern ein Kommunikations-Tool. Sie soll komplexe Ernährungswissenschaft in ein Bild pressen, das man ohne Studium versteht:

  • oben: davon eher wenig

  • unten: davon eher mehr


Das Problem: Sobald man Ernährung in eine simple Grafik zwingt, gehen Nuancen verloren. Und genau da entstehen dann die hitzigen Diskussionen.



Und wie ist das „offiziell“ bei uns in Deutschland?


In Deutschland orientieren sich viele – zumindest als grober Rahmen – an den Empfehlungen der DGE (Deutsche Gesellschaft für Ernährung). Die DGE nutzt dafür allerdings keine „Pyramide“, sondern den DGE-Ernährungskreis.


Die Kernaussage ist ziemlich klar:

  • Getränke bilden die Basis (Wasser/ungesüßt)

  • der größte Teil ist pflanzlich (Obst/Gemüse, Hülsenfrüchte/Nüsse, Getreide/Kartoffeln, Öle)

  • tierische Lebensmittel ergänzen (Milchprodukte, Fisch/Fleisch/Eier) – aber in kleinerem Anteil


Die DGE formuliert das auch sehr deutlich als Verhältnis: mehr als ¾ pflanzlich, knapp ¼ tierisch.



Kurzer Vergleich: bisherige US-Guidelines vs. DGE


Die USA sind in den letzten Jahren kommunikativ eher weg von der klassischen Pyramide und hin zu MyPlate (Teller-Modell) gegangen. Das ist vom Prinzip her ähnlich wie viele europäische Modelle:

  • viel Platz für Gemüse/Obst

  • ein Teil Protein

  • ein Teil Getreide


Die DGE ist dabei tendenziell pflanzenbetonter und koppelt das stärker an Nachhaltigkeit. Die „alte“ US-Kommunikation war pragmatisch: Teller aufteilen, fertig.



Was ist jetzt neu an der US-„Inverted Pyramid“?


Die neue Grafik dreht die klassische Logik optisch um: oben stehen die Lebensmittel, von denen man mehr essen soll, unten die, die eher weniger betont werden.


Quelle: USDA & HHS, „Dietary Guidelines for Americans 2025–2030“, realfood.gov – public domain. Keine kommerzielle Unterstützung durch USDA/HHS.
Quelle: USDA & HHS, „Dietary Guidelines for Americans 2025–2030“, realfood.gov – public domain. Keine kommerzielle Unterstützung durch USDA/HHS.

Die wichtigsten Signale, die bei vielen hängen bleiben:

  • Protein, Milchprodukte und „healthy fats“ werden stark nach oben gezogen

  • Obst und Gemüse stehen ebenfalls sehr weit oben

  • Butter taucht relativ prominent „in der Mitte“ auf

  • (Vollkorn-)Getreide wirkt nach unten geschoben


Und genau daraus entsteht die Debatte: Was ist sinnvoll – und was ist eher Marketing als Medizin?



Meine Einordnung: Was daran gut ist, was ich kritisch sehe – und was irgendwo dazwischen liegt


✅ Was ich gut finde


1) „Eat real food“ ist eine bessere Botschaft als Ernährungs-Bürokratie.

Wenn eine Guideline es schafft, Menschen weg von hochverarbeiteten Produkten und hin zu „echtem Essen“ zu bewegen, ist das erstmal ein Gewinn. Die alte Sprache („dietary patterns“) war korrekt, aber für viele einfach zu abstrakt.


2) Obst & Gemüse weit oben – logisch.

Egal ob DGE-Kreis, Teller-Modell oder Pyramide: Wenn Gemüse und Obst den größten Anteil bekommen, sind wir auf einer soliden Basis.



⚖️ Was ich gemischt sehe


1) „Mehr Protein“ – kann helfen, ist aber nicht automatisch die Lösung.

Ein klarer Protein-Fokus kann für viele Menschen sinnvoll sein – gerade im Alltag mit Stress, wenig Zeit und viel „nebenbei“. Protein sättigt in der Regel besser und länger; dadurch wird oft automatisch weniger gesnackt und die Mahlzeiten werden strukturierter: weniger „irgendwas“, mehr richtige Mahlzeit. Als einfache Leitlinie: Zu jeder Mahlzeit eine Proteinquelle einbauen.


Gerade ältere Menschen essen zudem häufig zu wenig Protein (und teils insgesamt zu wenig) – mit Folgen für Muskelmasse, Kraft und Regeneration.


Aber: „Mehr Protein“ bleibt nur dann gesund, wenn es im Rahmen passiert – idealerweise ersetzt es weniger günstige Optionen, statt einfach zusätzlich zu den bisherigen Gewohnheiten zu kommen (sonst steigen die Kalorien schnell). Und außerdem: Qualität zählt – naturbelassene Lebensmittel sind etwas anderes als „Protein“ aus stark verarbeiteten Produkten. Wenn diese Unterscheidung in der Kommunikation fehlt, bleibt beim Publikum leicht hängen: Hauptsache proteinreich – unabhängig davon, wie stark verarbeitet das Lebensmittel ist.


2) Vollfett-Milchprodukte: nicht Teufel, nicht Wundermittel.

Fermentierte Milchprodukte (z. B. Joghurt, Kefir, Käse) können gut in eine gesunde Ernährung passen. Gleichzeitig ist es realistisch, dass manche Menschen bei „vollfett ist jetzt empfohlen“ einfach mehr Kalorien aufnehmen – ohne dass sich der gesundheitliche Nutzen proportional verbessert.


Kurz: Kann passen – aber nicht als pauschaler Upgrade-Hack.



❌ Was ich kritisch sehe


1) Butter so prominent zu platzieren ist mindestens missverständlich.

Butter ist nicht „Gift“. Aber wenn ein offizielles Bild suggeriert „Butter gehört in die Mitte, also ruhig mehr“, kann das problematisch sein.


Warum? Weil kontrollierte Studien z. T. zeigen: Butter erhöht LDL-Cholesterin stärker als ungesättigte Fette (z. B. Olivenöl). Und: Höheres LDL/ApoB ist ein relevanter Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen.


Für viele ist „ein bisschen Butter“ völlig okay. Aber es gibt Menschen, die stark auf gesättigte Fette reagieren – und für die ist „mehr Butter“ eben nicht neutral. Zudem kann „mehr“ Butter schnell zu einer höheren Kalorienaufnahme und damit zu Gewichtszunahme führen.


2) Vollkorn/Getreide nach unten zu schieben ist nicht optimal.

„Vollkorn“ bedeutet: unraffiniert, ballaststoffreich, traditionell ein Grundnahrungsmittel. In großen Beobachtungsstudien sind Vollkornprodukte ziemlich stabil mit niedrigeren Risiken für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Typ-2-Diabetes und frühere Sterblichkeit assoziiert.


Wenn die Grafik nicht sauber zwischen Vollkorn und raffinierten, hochverarbeiteten Getreideprodukten unterscheidet, bleibt beim Publikum hängen: „Getreide = schlecht“. Und das ist aus meiner Sicht zu grob – und in der Praxis oft kontraproduktiv.



Mein Fazit (und was du daraus im Alltag machen kannst)


Wenn man alles runterbricht, sind sich die meisten Modelle in einem Punkt erstaunlich ähnlich:

  • mehr echte Lebensmittel

  • mehr Gemüse/Obst

  • weniger hochverarbeitet


Die Unterschiede liegen in den Details – und genau diese Details können je nach Person einen großen Unterschied machen.


Wenn du es praktisch willst, wäre meine „alltagstaugliche“ Kurzform:

  • Protein: genug, nicht „maximal“

  • Fette: mehr ungesättigt, Butter eher als „Genuss“, nicht als Basis

  • Kohlenhydrate: Qualität vor Ideologie (Vollkorn/Knollen/Hülsenfrüchte statt Weißmehl-Zeug)

 
 
 

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